Ein Jahr ohne

Heute vor einem Jahr bin ich zum letzten Mal aufgetreten.

Jedem ist klar, warum das so ist, und jeder der mich kennt weiß, dass mir das nicht die Existenzgrundlage raubt. Die aktuelle Situation trifft viele Menschen hart und meine Gedanken sind mit ihnen, insofern kann ich mich glücklich schätzen und ich habe tatsächlich keine Berechtigung zu jammern (auf welchem Niveau auch immer).

Im vergangenen Jahr gab es Planungen, Hoffnungen, Verschiebungen und letztlich Absagen. So musste meine Lesereihe „Literatur im Studio“ beide Male entfallen, ebenso wie die vorbereiteten Veranstaltungen mit den Swinging Klezmen im Theater und im Redoutensaal. Ideen zu weiteren Lesungen wurden auf Eis gelegt. … und natürlich verläuft das nicht ganz spurlos.

Warum ich Auftritte vermisse? Aus einem Grund: Wegen euch, den Zuhörern. Den Menschen, denen ich meine Geschichten vorlesen darf, auf deren Gesichter ich Emotionen zaubern, die ich hoffentlich durch meine Texte berühren und erreichen kann. Die Menschen, die nach einer Lesung zu mir kommen, mir Feedback geben. Zusammenstehen und über die Veranstaltung reden, Ideen und Motivation für weitere Auftritte säen. Diese Rückmeldungen sind es, die ich sehr vermisse.

Zahlreiche Kollegen lesen virtuell und online. Da sich mein Leben heute bereits zu einem guten Grad online abspielt, bin ich umso gehemmter, dies auf mein künstlerisches Schaffen zu übertragen. Weder als Konsument kann ich aus solchen Veranstaltungen besonders viel ziehen, als Auftretender kann ich es mir noch weniger vorstellen. Es fehlt mir die Atmosphäre, der Bezug zum Publikum, aber auch die Tatsache, sich frei zu machen, raus zu gehen, in eine andere Welt zu tauchen und nur dort zu sein. Es ist bei den Veranstaltungen ja nicht immer nur die Lesung, der Text. Es ist so vieles mehr. Egal ob in der Weinerei oder im E-Werk, im WP8 oder im Studio.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich momentan an etwas schreibe, und das tue ich, aber es passiert keineswegs mit explodierender Inspiration. Einer der wesentlichen Gründe ist zweifellos, dass die aktuelle Situation jede Menge Kraft bindet. Auch fehlt das Erleben, die Treffen mit Menschen, das Beobachten von Situationen als Trigger für Ideen. Was ich aber ebenso vermisse, ist der Kontakt mit euch und euer Feedback.

Letztlich stellt sich für mich nicht die Frage, ob ich schreibe, denn das ist für mich eine Lebensfunktion, aber natürlich will ich mit meinen Texten Menschen erreichen, nur dann bekommt es einen Sinn, der über die Notwendigkeit hinausreicht. Deshalb freue ich mich so ungemein, wenn ich einen Preis gewinne, meine Geschichten veröffentlicht werden und vor allem auch, wenn ich Nachrichten von Lesern bekomme.

Was ich damit sagen will? Tausend Dank für alle Nachrichten während dieser Dürre! — Dieser Dank für jede einzelne Kontaktaufnahme kommt wirklich von Herzen.

Heute vor einem Jahr bin ich also zum letzten Mal aufgetreten. Ich erinnere mich unheimlich gerne daran, weil es ein besonders emotionaler Auftritt war, und ich bin mir sicher, diese Erlebnisse mit euch werden wiederkommen. Hoffentlich bald.

Bis dahin, alles Liebe und Gesundheit.

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