Mob

Den Anfang machte F, der in der Gruppe stand, den Stein in der Hand wog und nach kurzem Nachdenken grinste.

Oder nein, der Anfang war früher. Vermutlich begann alles mit A, der über die Ablehnung seiner Exfreundin frustriert ihr eine geknallt hatte. Einfach die Hand gehoben, ausgeholt und mit der Wucht jahrelangen Kraftsports zugeschlagen. Sie war gestürzt, hatte kurz gewimmert, dann geflucht, und er hatte stolz seine Verachtung auf sie gespuckt. Vielleicht war es nicht richtig gewesen, sich gehen zu lassen, aber sie hatte es nicht anders verdient. Man ließ ihn nicht einfach stehen, nicht ihn.

A hatte sich danach mit B getroffen und getrunken. Saufen für die Freundschaft und das Selbstwertgefühl. Und obwohl B dem Drängen seines minderjährigen Bruders C nicht nachgeben wollte, tat er es trotzdem. Wie sollte der Junge sonst zum Mann werden? C wusste, seine Eltern hatten verboten rauszugehen, aber er wollte endlich auch etwas erleben, also waren sie zu dritt losgezogen.

C und D kannten sich von der Schule, trafen sich zufällig zu Beginn dieser Nacht, und stießen auf ihr junges Leben an. D war es auch, der das Zusammentreffen im Freundeschat teilte, was dazu führte, dass die Gruppe wuchs.

Man saß im Stadtpark und trank. Ein Mülleimer wurde angezündet. Nichts Schlimmes.

Nun wusste jeder von den Beschränkungen, die aktuell galten, aber die Jugend hatte die Zuversicht der Ignoranz. Mehr und mehr fanden sich ein, auch Ältere mischten sich darunter, verteilten Schnaps, den sie zufällig dabeihatten, und die kleinen lustigen Pillen.

So war auch E zu der Gruppe gestoßen. E, der ein Gespür für Situationen hatte. Er war schon lange unzufrieden, sowohl mit seiner persönlichen Lage als auch im Allgemeinen. Er war ein Meister darin, diesen Missmut zu formulieren, ritt, wenn er das tat, auf Worthülsen und Parolen, aus denen er sich den theoretischen Unterbau seiner Wut gezimmert hatte. Und man hörte ihm zu, fühlte mit ihm, weil E einer war, der aussprach, was jeder dachte. Jawohl! E war der Widerstand im Hinterzimmer. E war die Demagogie der im Alkohol ersaufenden Straße. Er war sich sicher, den Weg zu kennen, und wenn der Weg auch ein harter werden sollte, einer musste ihn weisen.

Die Gruppe wuchs wie ein Geschwür, grölte und begann das zu skandieren, was E ihnen dirigierte. Er war zufrieden mit der Dynamik, den die Nacht bekam. Die Wut einer Gruppe in solche Kanäle zu lenken, die Emotionen gegen die Schuldigen zu bündeln, war sein Meisterwerk. Sie zogen durch die Stadt, die Kapuzen tief ins Gesicht, Mund und Nase bedeckt. Sichtbar als Gruppe und der Einzelne dennoch darin verborgen.

Ein starkes Gefühl. Der Einzelne endlich verstanden und Teil einer Gemeinschaft.

F war es nun, der den ersten Stein aufhob. Er war einer der Jünger von E, lauschte schon länger dessen Evangelium vom Widerstand. Man fühlte sich über Telegram verbunden. Und wenn sich F diesen Widerstand bisher anders vorgestellt hatte, mit mehr Schmutz und Selbstaufopferung, und weniger bequem mit Smartphone in der Hand, hatte er jetzt den Willen, endlich Grenzen zu überschreiten. Denn die, gegen die sie rebellierten, hatten schon lange alle Grenzen überschritten. Das wusste er genau. Von E und den anderen in der Gruppe.

F wog noch einen Augenblick den Stein in der Hand, überlegte, aber sein Gewissen war in der Wut ersoffen, und schleuderte ihn. Die Scheibe des Wagens zerbarst in milchiges Mosaik. Er hatte nicht gedacht, dass das so einfach ginge. Einen kurzen Moment hielt die Menge inne, bevor sie in Johlen ausbrach.

G war es, der auf die Motorhaube des Wagens sprang und die Scheibe aus dem Rahmen trat. Danach sprang er auf das Autodach und trampelte darauf herum. Sein Vater fuhr das gleiche Modell, und da er seinen Vater hasste, schien ihm seine Aggression gegen den Wagen nur gerechtfertigt.

Niemand in der Gruppe, die auf mehr als zweihundert Personen angeschwollen war, der das nicht verstanden hätte.

Sie alle verband eine Wut und auch wenn diese ihre Ursache in mindestens genauso vielen Gründen hatte, wie sich Menschen in dieser Nacht beinahe zufällig zusammengefunden hatten, so war sie der gemeinsame Nenner des Mobs.

H hatte zwar kurz das Gefühl, nicht hundertprozentig das Richtige zu tun, dennoch startete er ein Livevideo auf einem sozialen Netzwerk, denn so eine Gelegenheit für viele Klicks bot sich nicht oft. Es wäre falsch, sich durch Skrupel irritieren zu lassen.

Steine flogen gegen Fensterscheiben, wahllos, aber auch gezielt, wie im Fall von I, der sich eine Buchhandlung ausgesucht hatte, in dem die Kleine arbeitete, die er anhimmelte, ihn aber nicht erhören wollte. Hätte ihm nicht der Geifer die Sinne verschmiert, vielleicht hätte er sein Unrecht eingestanden, aber die Emotionen … konnte man das nicht nachvollziehen? War es nicht notwendig, Verständnis aufzubringen, Erklärungen zu finden?

Erklärungen ließen sich auch finden, als die Wut neue Nahrung bekam, indem drei Mannschaftswägen der Polizei auffuhren und eine Beamtin per Megafon Ruhe einforderte. Wie sollte der Mob anders auf diese Provokation reagieren als mit weiterer Eskalation?

Spontan von J befehligt, stürmte eine Gruppe Männer zu einem der Mannschaftswägen und schaffte es tatsächlich, abgeschirmt von den anderen, diesen umzukippen. Ein Sieg über den Unrechtsstaat, über die Willkür. Also konnte man auch das irgendwie rechtfertigen.

Warum nun K plötzlich einen Molotowcocktail in der Hand hatte, wusste nun wirklich keiner, aber K war schon immer ein Bastler gewesen. Die brennende Flasche landete auf dem Mannschaftswagen Nummer Zwei, woraufhin sich die Polizei zurückzog. Ein Sieg, der die Leidenschaft der Rebellion weiter anstachelte. Man hatte sich lange alles gefallen lassen, jede Gängelung, jede Bevormundung. Nun war der Zeitpunkt gekommen, sich zu erheben.

Mit L an der Spitze bewegte sich die Masse ins Regierungsviertel. L hatte noch eine Rechnung gegen den Staat offen. Seine Wut basierte auf einer Geschichte, die mit Steuern und Willkür von Finanzbeamten zu tun hatte und die seinen finanziellen Ruin verursacht hatte.

Mittlerweile waren es mehr als tausend Menschen, die durch die Straßen zogen, eine Schneise brennender Autos und zerstörter und geplünderter Läden hinter sich herziehend. Und alle fühlten sich im Recht. Oder vielmehr war es ein Aufstand der Gerechtigkeit gegen bestehendes Recht. Ein Recht, das geschaffen worden war, um die persönliche Freiheit einzuschränken. Diesen Nachweis hatte der emeritierte Rechtswissenschaftsprofessor M bereits vor Wochen geführt und damit die theoretische Grundlage für die Rebellion geliefert. Sein Pamphlet war eine Verdrehung der Tatsachen und wenig fundiert, mehr ein politisches Statement, dekoriert mit Fachjargon und dem Titel des Professors. M, der sich aufgrund der Ablehnung seiner Kollegen schon länger in politischen Kreisen wohler fühlte als im Zirkel der gesteuerten Wissenschaft. Die Sucht nach Anerkennung war leichter auf dem politischen Feld zu befriedigen, auf dem seine Fachkenntnis und Erfahrung geschätzt wurde. Nein, er gehörte nicht zum alten Eisen. Zu dem Zeitpunkt, zu dem die Frucht seines Zorns marodierend durch die Stadt zog, saß er vor Internet und Fernsehen und rieb sich die Hände.

Einer der ersten Reporter vor Ort war N, der seine Chance witterte und live ging. Die Kanäle des medialen Imperiums, das N im Rücken hatte, streamte seine ersten Eindrücke. Auch wenn er sich schockiert über die Ereignisse zeigte, konnte er nicht umhin, den anderen Medien, dem Staat und der aktuellen Situation Schuld an den Ereignissen einzuräumen und Verständnis zu zeigen. Man musste das alles im Kontext sehen und konnte diesen Gewaltausbruch nicht isoliert betrachten. Jedenfalls ließ er sich nicht zu einer uneingeschränkten Verurteilung des Geschehens hin.

Soziale Kanäle verbreiteten die Nachrichten und Videos in andere Teile des Landes und selbstverständlich wurde die Information des Aufstands auch über die Grenzen getragen. Es war, als hätte man nur auf dieses Zeichen gewartet. Überall strömten Menschen auf die Straßen, schrien für Freiheit und Demokratie und traten diese dabei mit Füßen. Aber man musste das alles relativ sehen. Die Menschen hatten über Jahre gelernt, dass Grenzen verschwammen, dass Unsagbares doch gesagt werden konnte, dass Verachtung und Hass auf andere verständlich sein konnten. Man konnte nicht immer nur gut sein. Man war schließlich Mensch.

O war es, der die erste Wache am Regierungsgebäude mit einem Stahlrohr niederschlug. Seine persönliche Rechtfertigung für die Gewalt war die Tatsache, dass man die Institutionen des Staates als solche nicht anerkennen musste, da sich diese selbst unzähliger Vergehen schuldig gemacht hatten.

P stürmte den Plenarsaal und legte dort Feuer. Q war der erste mit einer Waffe. R das erste Opfer aus der Masse an Freiheitskämpfern, wobei unklar war, woher die Kugel kam, die seinen Schädel zerfetzte. Zu schnell hatte S wieder seine Waffe eingesteckt. Er hatte R schon immer gehasst, zumindest als Kontrahenten. Zum Märtyrer mochte dieser aber taugen.

T schwenkte die Fahne der Rebellion auf dem Regierungsgebäude. Er hatte schon immer ein Faible für dieses Stück Stoff gehabt, mit dem er emotional so viel mehr verband, da es ihn an seinen Opa erinnerte.

Einige Straßen weiter war die Bibliothek gestürmt worden. U hatte das Fenster im zweiten Stockwerk, das die historische und geisteswissenschaftliche Sammlung enthielt, aufgerissen und damit begonnen, Bücher auf die Straße zu werfen. Seiner Aufforderung, diese anzuzünden, wurde gefolgt, und so loderten die Schriften der Vergangenheit, die Schriften der Philosophen in den Himmel.

V war der Gastwirt, der spontan einen Straßenverkauf organisierte und sich davon das Geld seines Lebens versprach. W war derjenige, der V an die Solidarität mit der Revolution erinnerte, indem er V dessen Gier aus dem Körper drosch und W die Getränke dem Mob zur freien Verfügung stellte. Jubel brandete auf.

X fuhr seinen Wagen in den Regierungsbezirk, zündete ihn an und war sich sicher, die Versicherung würde bezahlen, was ihm den Wertverlust, den er durch sein Missgeschick am Vortag erlitten hatte, kompensieren würde. Wer würde nach diesem Chaos schon danach fragen.

Y hingegen hatte zwar immer vor der Möglichkeit eines solchen Infernos gewarnt, dennoch wollte er nicht glauben, was er auf seinem Smartphone sah. Schockiert über die Ohnmacht des Staates und der anderen gegenüber der Eskalation war er ins Zentrum gelaufen und hatte sich, naiv wie er war, dem Mob entgegengestellt. Prompt wurde er schwer verprügelt und starb noch vor Ort. Die Ungläubigkeit über die Gewalt, die in seinen Augen geflackert hatte, war ihm mit einem letzten Fußtritt aus seinem Gesicht getreten worden.

Mein Name ist Z. Ich bin der verzweifelte Chronist dieser Nacht, der die Ereignisse nicht fassen kann und sich fragt, warum die Gesellschaft nicht in der Lage war, einen anderen Weg zu gehen. Woher kam all die Angst, der Hass, die Ignoranz und die Dummheit, die uns in diese brennende Nacht geführt hat? Sie waren über Jahre gesät worden. Die einen hatten sie gehegt und gepflegt, sich am Wachstum erfreut, die anderen hatten sie ignoriert, waren gleichgültig, feige oder ohnmächtig gewesen. Langsam war die Saat aufgegangen und hatte die Zivilisation zersetzt.

Schade, dass wir nicht früher darauf geachtet hatten.

2 thoughts on “Mob

  1. Anna-Maria

    Eine fesselnde Erzählung, die einen nachdenklich zurücklässt…. sehr gelungen!

  2. Gertraud

    sehr gut geschrieben, aber es kommt mir vor, als wäre es keine Erzählung, sondern ein Tatsachen Bericht.

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