Erzählung des Monats – Mai

Der nächste Morgen

Gestern also. Lakonisch und zugleich ungläubig gestand er es sich ein. Zum Glück war er allein und niemand hörte sein abgehacktes Selbstgespräch. Henriette hätte ihn gleich wieder mit diesem Jetzt-vertrottelt-er-mir-komplett-Blick bedacht. Gestern hatten sie also gefeiert – seinen Geburtstag. Er, Egon, war dreiundsechzig Jahre alt geworden. Dreiundsechzig! Er ließ die Zahl durch sein Gehirn wandern. Er mochte sie nicht – natürliche Aversion, die sich mit Jahresfrist legen würde –, aber nun war sie schon mal da und er musste sich an sie gewöhnen. Er wusste, eigentlich sollte er dankbar sein, dankbar für alles, was in seinem Leben … aber … dreiundsechzig?

… Was Egon am Morgen nach seinem dreiundsechzigsten Geburtstag so alles beschäftigt hat, war der Inhalt der Geschichte im Mai. Mir persönlich war Egon sehr nahe, und ich konnte, obwohl nicht ganz sein Jahrgang, einige seiner Gedanken gut nachempfinden. Insofern nehme ich fast ein wenig wehmütig von ihm und Henriette Abschied. Aber ich tröste mich mit jedem Kommentar, jedem „Gefällt mir“ und jedem Leser der Geschichte.

Am kommenden Freitag wird man die Erzählung zum ersten Mal im El Puente zu hören bekommen, dann wird sie für einige Zeit ruhen.

Dennoch, das Ende eines Monats bedeutet auch immer den Beginn eines neuen (eine kalenderspruchverdächtige Feststellung), und damit die herzliche Einladung, auch die Erzählung des Monats Juni mit dem Titel „Die Prophezeiung“ zu lesen.

© Text: Oliver Graf, Foto: Fotografschaft Erlangen

2 thoughts on “Erzählung des Monats – Mai

  1. Maria

    Ich liebe diese Art von Humor und die glückliche Wendung der Geschichte freut mich. Oliver Graf einmal anders – was den Schluss betrifft!

  2. Friederike

    Wie immer ein sprachlich brillant „gefädelter“ Blick aufs Detail; so verfolgt man die Geschichte als Film…

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