Erzählung des Monats – 05/17

Der Codex

Wie eine zähe Masse, wie sämiger Brei. Er bekam das Gefühl nicht aus seinem Kopf. Die Gedanken klebten fest. Alles in seinem Schädel war dumpf. Er wusste nicht, ob es an der Hitze lag, die selbst hier im Schatten unter der Brücke beinahe unerträglich war. Verdammter Sommer. Oder lag es an den Tabletten, die er zusammen mit dem Bier genommen hatte? Am Morgen war er aufgewacht, hatte gedacht, sein Schädel würde zerplatzen. Die pochende Wunde am Hinterkopf, als Erinnerung an den Tritt mit dem Stiefel. Deshalb hatte er die Tabletten genommen, die ihm Horst vor dem Treffen mit den Anderen zugesteckt hatte. Ohne eine Ahnung von der Dosierung hatte er insgesamt vier genommen. Erst zwei, und als die Wirkung ausgeblieben war, noch einmal zwei.

… Welche Wirkung eingesetzt und was es mit dem „Codex“ auf sich hatte, war der Inhalt der Erzählung im Mai. Düster war sie wieder einmal, aber leider allem Anschein nach sehr real. Viel heiterer geht es im Juni weiter, denn eines meiner alten Egos – Ewald aus der Erzählung „Es kommt, wie es kommen muss“ – ist zurück in dem neuen Text „Immer lächeln, wie es auch kommt“.

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© Text: Oliver Graf, Foto: Fotografschaft Erlangen

4 thoughts on “Erzählung des Monats – 05/17

  1. Friederike Zechner

    Lieber Olli, die Geschichte passt leider nur allzu gut in die Wirklichkeit – wenn auch sprachlich gut verpackt, so ist sie doch beängstigend!

    • Oliver

      Auch wenn die Erzählung natürlich frei erfunden und das Ende überzeichnet ist, halte ich solche Vorgänge, Handlungs- und Denkweisen leider durchaus für sehr real.

  2. Helga

    Ich habe die Erzählung erst heute gelesen und sie macht mich wieder sprachlos. Mir sind die Fälle in den U-Bahnstationen in den Sinn gekommen, in denen Unschuldige schwer am Kopf verletzt wurden und es auch Tote gegeben hat. Also, es entspricht leider Gottes der Realität, in der wir leben.

    • Oliver

      Es ist irgendwie doch sehr gruselig, wenn man einen Teil seiner erfundenen Geschichte als Bericht erzählt bekommt und noch das Blut auf Tasche, Schuhe und Brille des Opfers klebt. Dann ist die Erzählung zu nah an der Realität. Letzten Samstag ist mir genau das passiert. —

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