Erzählung des Monats – November

Drei Dinge, die Gernot Mayerkögl tun wollte, um zu beweisen, dass er ein Mann war

Die Nacht war schwarz. Schwarz wie die Seele des Gernot Mayerkögl – und schwarz wie der Grind unter seinen Fingernägeln. Er stand im Badezimmer und versuchte den täglichen Dreck von den Händen zu waschen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Wütend schrubbte er an den Nägeln, an der Haut. Die Bürste sprenkelte das angeschlagene Email des Waschbeckens und sein ärmelloses Ripp-Unterhemd, aber er konzentrierte sich nur auf seine Finger, die er langsam wund rieb. Bis er die Bürste auf den Boden schleuderte, sich am Beckenrand abstützte und in sein Spiegelbild starrte. Wäre er bei Sinnen gewesen, er wäre über sich selbst erschrocken, über die verkrampften Gesichtszüge, den verbissenen Blick, den Schweißfilm auf der Stirn. Er atmete schwer durch zusammengepresste Zähne und starrte in seine blutunterlaufenen Augen, bis er es nicht mehr ertrug.

Es war ja auch egal, ob seine Hände schmutzig waren. Es war alles egal.

——————-

„Schaurig.“ „Düster.“ „Schön.“ So haben Leser über den Text im November geurteilt. Und ich habe mich sehr über jede einzelne Rückmeldung und jeden Kommentar gefreut. Tausend Dank dafür! Jetzt geht es aber in die Adventzeit, Gernot Mayerkögl und seine Frau finden erst einmal eine vorläufige Ruhe auf meiner Festplatte – und es gibt eine neue Geschichte. Diesmal eine Verneigung vor dem „Joshua Tree“. Viel Vergnügen!

© Text: Oliver Graf, Foto: Fotografschaft Erlangen

[Die Namen und handelnden Personen in der Geschichte sind frei erfunden. Sollte es Menschen mit gleichen Namen geben, wäre dies von meiner Seite unbeabsichtigt und auch rein zufällig. Die Suche nach Anneliese und Gernot Mayerkögl auf Facebook ergab jedenfalls keine Treffer.]

6 thoughts on “Erzählung des Monats – November

  1. Helga

    Schaurig schön

  2. Rikki

    Ich bin beim Lesen ja schon immer auf Unerwartetes gefaßt, aber mit diesem schlimmen Ende habe ich jetzt auch wieder nicht gerechnet…………….

  3. Angelika

    Schöne, düstere Geschichte…
    …Aber warum hatte er am Anfang so dreckige Hände?

    • Oliver

      Hallo Angelika,
      gut beobachtet! — Ich gebe zu, ich hatte ursprünglich eine andere Art des Ablebens im Kopf, die schmutzige Hände notwendig gemacht hätte. Nach der Änderung bin ich aber die Erklärung dafür letztlich schuldig geblieben. — Ich werde das nachholen und dir einen Lektoratssternchen gutschreiben! 🙂
      Danke.
      Grüße, Oliver

      • Anonymous

        Der vergebliche Versuch die „Dreckshände“, verschmutzt von Schuld und Scham, zu reinigen, scheint verständlich und macht noch mehr betroffen.

  4. Friederike Zechner

    Aber wer verkauft schon seine Träume? …eine geniale rhethorische Frage!
    Zur Leserin Angelika: ich nehme an, die schmutzigen Hände bzw. Nägel kamen daher, dass er bis zum letzten Augenblick an seinem Haus mauerte, werkte…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.